MACHTMISSBRAUCH IM ASHTANGA YOGA

Inke Shenar zu den Missbrauchsvorwürfen gegen den Ashtanga Yoga Guru Sri K. Pattabhi Jois

Bisher konnte Inke Shenar nicht nachvollziehen, warum sie sich zu den Missbrauchsvorwürfen gegen Sri K. Pattabhi Jois (PJ) äußern solle. Dann las sie „Practice And All Is Coming: Abuse, Cult Dynamics And Healing In Yoga and Beyond“ und ihre Sichtweise änderte sich.

 

Inke, warum beschäftigst Du Dich gerade jetzt mit den Missbrauchsvorwürfen gegen PJ?

Vor einiger Zeit las ich zufällig einen Kommentar Gregor Maehles zu Matthew Remskis Buch „Practice And All Is Coming: Abuse, Cult Dynamics And Healing In Yoga And Beyond“. Gregor – ich kenne ihn auch persönlich – meinte, es sei zwar nicht angenehm, sich mit Matthew Remskis Buch zu beschäftigen, für jeden ernsthaft Praktizierenden und vor allem für Ashtanga Yogalehrer aber unabdingbar.

 

Zuvor wurde ich auch hin und wieder von dem einen oder anderen Schüler auf die Vorwürfe angesprochen. Mein erster Impuls war bisher immer, dass Missbrauch zwar schrecklich sei, leider aber überall vorkomme.

 

Wie hast Du Matthew Remskis Buch erlebt?

Zuerst einmal hat das Buch meine ganz persönlichen und intensiven Erinnerungen an meine erste Begegnung mit Ashtanga Yoga in Indien und der indischen Kultur wachgerufen. Matthew Remski bezieht sich zu einem Großteil auf Erlebnisse von Karen Rain (ehemals Habermann). Ihre Erlebnisse haben mich sehr berührt, auch weil sie damals in Indien die erste Lehrerin war, bei der ich praktizierte. Ihre Schilderungen im Buch erinnerten mich daran, dass ich damals den Eindruck hatte, dass sie irgendwie immer merkwürdig wurde, wenn es um PJ ging. Ich kann es nicht konkret benennen, aber sie machte manchmal Äußerungen, die mir den Eindruck vermittelten, als sei irgendetwas in ihrem Verhältnis zu PJ komisch.

 

Im Anschluss an den Aufenthalt bei Karen plante ich bei PJ zu praktizieren. Das hatte ich schon vor meiner Reise nach Indien organisiert. Aber dazu kam es nicht. Auf meiner Reise nach Mysore konfrontiere mich jemand mit der Behauptung, PJ habe eine Frau vergewaltigt. Ich war zu diesem Zeitpunkt schon länger in Indien und hatte leider auch nicht nur positive Erfahrungen gemacht. Ich war bspw. von indischen Männern an den Busen gefasst worden oder mir wurde anzüglich nachgerufen. Die Behauptung der Vergewaltigung hat mich dann so abgeschreckt, dass ich kurzentschlossen bei einem anderen Lehrer in Mysore Unterricht nahm. Venkatesh war damals noch nicht so bekannt, aber wurde von vielen Ashtangis empfohlen. Als Schüler musste man ein sackartiges T-Shirt und lange weite Hosen anziehen und er berührte seine Schüler nicht. Daher fühlte ich mich bei ihm sehr sicher und als Frau respektiert.

 

 

Hast Du zu einem späteren Zeitpunkt nochmal bei PJ praktiziert?

Erst 2006, fünf Jahre später, reiste ich wieder nach Mysore. Zu der Zeit unterrichtet PJ noch, aber er war schon sehr alt und klapprig. Sein Enkel Sharath wurde in dieser Zeit immer präsenter im Unterricht und übernahm dann nach PJ Tod die Arbeit in der Shala. Sharath habe ich als sehr respektvollen Lehrer erlebt. Seine Adjustments waren sehr einfühlsam und ich habe nie etwas Unangemessenes an seinen Hilfestellungen empfunden.

 

Was hast Du bei Matthew Remski gefunden, dass Dich motiviert, Dich zu den Missbrauchsvorwürfen gegen PJ zu äußern?

An dem Buch von Matthew Remski hat mich am meisten schockiert, dass den Frauen, die sich geoutet haben, überwiegend Unverständnis und Ablehnung von anderen Ashtanga Übenden begegnete. Ich habe noch einmal mehr gemerkt, dass es einfach ist, sich mit den Vorwürfen nicht auseinander zu setzen, wenn man persönlich nicht betroffen ist. Ich habe diese Erfahrung ja selbst nicht gemacht. Es kommt emotional einfach nicht so stark an einen ran. Dann fühlte ich mich durch Matthew Remski an meine eigenen, nicht nur schönen, Erfahrungen mit Männern erinnert. Auch ich erlebte als junge Frau Verunsicherung und Gedanken wie „das ist jetzt nicht passiert“, in Situationen, in denen Männer über meine Grenzen gegangen sind. Plötzlich war da Betroffenheit, Motivation, Stellung zu nehmen und solidarisch zu sein.

 

Die letzte Situation, in der ich gedacht habe: „das kann doch jetzt nicht passiert sein“, war 2012 in Mysore. Als mein Vermieter mir mein Haus gezeigt hat, fragte er mich: „Do you like to fuck?“ Ich dachte ich hätte mich verhört und sagte: „Excuse me?“. Dann kam wieder: „Do you like to fuck?“ „Excuse me?“ … Sicherlich so 5-mal ging es hin und her, bis seine Frage bei mir angekommen ist. Erst dann konnte ich reagieren und habe es anderen Yogis erzählt. Wir wurden damals auch dazu angehalten, bei solchen Vorfällen Sharath zu informieren. Das bestätigte nochmal meinen Eindruck, dass es Sharath wichtig war, dass sich Frauen sicher fühlen.

 

Außerdem fühlte ich mich bei der Lektüre an meine frühere Arbeit mit jungen Prostituierten erinnert. Behandelten die Freier die jungen Frauen schlecht und hielten sich nicht an die Regeln, erfuhren auch diese Frauen wenig Rückendeckung und Bestätigung, z.B. von der Polizei: „Naja, wenn du anschaffen gehst, dann musst du schon damit rechnen.“ Nicht selten relativierten die jungen Frauen dann ihre Erlebnisse. So, als wären sie selbst schuld.

 

Es gab in der Vergangenheit immer mal wieder Vorwürfe gegen indische Yogalehrer wegen sexueller Übergriffe. Müssen auch die Vorwürfe gegen PJ nicht hinsichtlich des Geschlechterverhältnisses in der indischen Gesellschaft relativiert werden?

Sicherlich. In Indien herrscht immer noch das Patriarchat, eine gesellschaftlich nicht ausreichend sanktionierte Herabsetzung von Frauen. Auch wenn die Frauen sich jetzt immer mehr gegen die Frauenfeindlichkeit wehren und Gehör bekommen und viele moderne Inderinnen so selbstbewusst und unabhängig wirken, ist es immer noch kein Land, in dem eine Frau sich wirklich frei bewegen kann.

 

In den 2000 Jahre alten Yogasutras von Patanjali werden die 8 Glieder des Yoga beschrieben. Das erste Glied, die Yamas definieren als Ahimsa das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Das nehmen viele Yogis sehr ernst und essen aus diesem Grund kein Fleisch. Und dennoch kam und kommt es immer wieder, trotz dieses eindeutigen Gebots, auch von Anhängern des 8-gliedrigen Pfades, zu Übergriffen und Missbrauch gegenüber Frauen.

 

Wenn also auch das Recht auf körperliche Unversehrtheit in den Yogasutras vorkommt, welche Auswirkungen haben dann die Vorwürfe gegen PJ auf Deine Ashtangapraxis oder den Nutzen der Praxis für Deine Schüler?

Ich finde die Ashtangapraxis für mich und meine Schüler nach wie vor sehr wertvoll. Ich fühle mich durch die Missbrauchsvorwürfe aber bestärkt, als Lehrende auf die Grenzen meiner Schüler zu achten und diese zu respektieren. Auch ist es mir wichtig, meine Schüler dazu anzuhalten, ihre Grenzen wahrzunehmen, zu achten und auch gegenüber anderen Lehrern zu vertreten. In der MeToo Debatte geht es ja auch nicht nur um sexuelle Übergriffe, sondern auch um zu harte Adjustments, die das Risiko für Verletzungen erhöhen oder zu diesen führen. Ich fühle mich in der Art und Weise, wie ich arbeite, bestätigt.

 

Auch wurde mir durch Matthew Remski noch einmal klarer, warum Schüler häufig nicht in der Lage sind, ihren Lehrer auf Grenzen hinzuweisen. Viele neigen bei Grenzüberschreitungen zu Ohnmachtsverhalten. Wie in meinem kleinen „unspektakulären“ Beispiel mit dem indischen Vermieter: „Das ist jetzt nicht passiert“. Matthew Remski beschreibt dieses Phänomen in seinem Buch sehr nachvollziehbar. Gleichzeitig kann man ja davon ausgehen, dass sich die Schüler und Schülerinnen dem Lehrer bzw. Guru hingeben wollten. Es wird in der psychospirituellen Szene ja auch immer suggeriert, man müsse sich komplett hingeben, um die Lehre und das Wissen wirklich für die eigene Erfahrung nutzen zu können. Viele, die ihren Körper oder ihre Psyche heilen wollen, befolgen dies. So gibt der Schüler in der Regel einen Vertrauensvorschuss an den Lehrer. Erst dadurch wird Lernen möglich. Daher ist es ja auch eine delikate Angelegenheit und daraus resultiert die Gefahr von Machtmissbrauch. Wichtig ist, dass dies uns Lehrern bewusst ist und wir unsere Schüler dazu ermächtigen, ihre Grenzen zu setzen. Egal mit wem und wo. 

 

 

Wie genau ermächtigst Du Deine Schüler ihre Grenzen zu setzen?

Seit 2006 habe ich 7 mal bei Sharath in Mysore praktiziert. Wie schon erwähnt, habe ich seine Berührungen als sehr empathisch empfunden. Wenn ich irgendwelche Schmerzen hatte, dann waren die nach dem Üben in Mysore immer weg. Zu dieser Zeit haben wir schon in der großen Shala von PJ geübt und man bekam auch nicht so viele Adjustments. Und ich hatte vorher schon immer wieder Probleme mit meinem Rücken, daher war ich immer klar mit meinen persönlichen Grenzen. Ich bin dann nicht weiter in meine Rückwärtsbeuge gegangen und das hat Sharath auch immer akzeptiert. Ich habe schon beobachtet, dass einige Yogis auch ohne adjustet zu werden, versucht haben, so tief wie möglich in Positionen „reinzukommen“. Dadurch sind auch immer mal wieder Verletzungen entstanden. Auch als dann immer mehr autorisierte Lehrer anfingen, Sharath in der Shala zu assistieren, habe ich immer klargemacht, was ich möchte und was nicht. Hin und wieder hörte ich Schüler darüber klagen, das ein Adjustment der Assistenten zu stark war.

 

Aus diesen Erfahrungen heraus adjuste auch ich eher wenig und sehr vorsichtig und es ist mir wichtig, dass meine Schüler mir eine Rückmeldung geben. Ich kommuniziere auch immer, dass es total wichtig ist, dass meine Teilnehmer ihre persönlichen Grenzen wahrnehmen und diese auch bei anderen Lehrern kommunizieren. Bei Matthew Remski findet man die Empfehlung, Adjustmentkarten zu benutzen, die die Schüler neben die Matte legen können. Damit können sie nonverbal mitteilen, ob sie berührt werden wollen oder nicht. Diese Empfehlung habe ich übernommen und bin dadurch wieder mehr mit meinen Schülern ins Gespräch übers „Grenzen setzen“ gekommen. Spannend ist ja auch, wie wir dieses Thema auch im Alltag umsetzen und uns immer wieder fragen: „Will ich das?“ oder „Will ich das nicht?“. Und dann dementsprechend reagieren und handeln. Dabei spielt es dann keine Rolle, ob es um die Überstunden bei der Arbeit geht oder ob wir dem Nachbarn beim Umzug helfen, obwohl wir total erschöpft sind und sowie schon Rückenschmerzen haben.

  


Das Gespräch führte Dr. Nadine Kakarot, Wirtschaftspsychologin und seit 2014 Schülerin bei Inke Shenar